Weidermann Träumer

„Als ich erwachte, glaubte ich, dass alles geträumt sei. Ich hatte die Revolution nicht mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen erlebt. Und mein Herz schlug fortan rascher, umfing alle Brüder und Schwestern, die gleich mir nach den Sternen griffen.“
Alois Lindner, 1918
Es war einer der kurzen Momente in der Geschichte, in denen alles möglich scheint – die Revolution im November 1918 und die darauf folgende, kurzlebige Münchner Räterepublik, welche bis zum April 1919 andauert. Nach der Vorgeschichte, dem nahenden Ende des 1. Weltkriegs und der Absetzung des bayrischen Königs, beginnt der magische Moment: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Phantasie rücken in greifbare Nähe. Angeführt vom Pazifisten, Theaterkritiker, Menschenfreund und Träumer Kurt Eisner scheint die Revolution anfangs reibungslos und ohne Blutvergiessen zu gelingen, Eisner hat seine Weltsekunde erkannt und entschlossen zugegriffen, doch der Gang der Dinge ist unberechenbar, die Stimmung aufgeheizt, euphorisch und jede politische Entscheidung umkämpft. Die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten...
Weidermann erzählt journalistisch rasant und lässt vor allem die Dichter, Schriftstellerinnen und Zeitgenossen selbst zu Wort kommen, denn alle sind vor Ort: Ernst Toller, Thomas Mann, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Gustav Landauer, Oskar Maria Graf, Viktor Klemperer, Klaus Mann...
und nicht zuletzt ist da auch ein bleicher, schmaler Mann, ein orientierungs- und erfolgloser Kunstmaler, der in dieser Zeit beschliesst, dass er Politiker werden will. Er ahnt noch nicht, dass nach der blutigen Niederschlagung der Räte und seiner eigenen Entlarvung als Konterrevolutionär, Bayern sich zu der konservativ-nationalistischen Ordnungszelle im Deutschland der Weimarer Republik entwickeln und seine politische Karriere dort beginnen wird.
Achtung, die Lektüre weckt die Neugier auf die Originaltexte der berichtenden Schriftsteller – dafür gibt es am Ende des Buches glücklicherweise eine Bücherliste!

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017 / Fr. 31.90

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